Eine der aktuell faszinierendsten Entwicklungen der Software- und App-Entwicklung derzeit ist der Begriff „Augmented Reality“ oder „AR“. Der Gedanke dahinter ist, die Sicht auf die Realität anzureichern, z.B. im Rahmen einer Erkennungssoftware zusätzliche Informationen und Inhalte zu bestehenden Produkten anzubieten. In einer Zeit, in der Smartphones längst zum Massenphänomen geworden sind, ist dies mittlerweile auch in der Kunst ein riesiges Thema.

Für das Ausstellungsprojekt „KAIROS. Der richtige Moment“ ist Zott Artspace ganz neue Wege bei der Kunstvermittlung gegangen: Statt der klassischen Audioguides gibt es eine moderne Smartphone App, die die Kunstwerke automatische erkennt und dazu Informationen als Texte, Audios und Filme anbietet, darüber hinaus sind im Sinne von „Serious Gaming“ auch Spiele enthalten, um das Projekt interaktiv zu erfahren.

Wir haben ein Interview mit dem Entwicklungsleiter und CIO Dr. Hermann Granzer von der Pointout GmbH, einem Unternehmen der mSE Solutions geführt:

  • Was macht diese Entwicklung so besonders, was unterscheidet sie von anderen Bildungs-Apps?

HG: Wir nutzen ein originäres „Spiele-Framework“ (Unity) für eine professionelle Business App. Das klingt erst mal unkonventionell und fast etwas überdimensioniert, bietet aber viele Vorteile: Größtenteils plattformunabhängig (wir wollten von Anfang an iOS und Android bedienen), mit Fokus auf exzellente User Experience, mit einem breiten Spektrum an Möglichkeiten für AR/VR/3D. Ein gewisses Risiko, darauf zu setzen, aber nach einem ersten Prototyp war das sehr überzeugend.

  • Was war eine besondere Herausforderung aus Entwicklersicht?

HG: Problematisch war das Fehlen von KnowHow bezüglich Unity – wir hatten hier einen steilen Know-how Ramp-up zu meistern. Etwas untypisch für mSE, aber eigentlich normal für IT-Systemhäuser: Wir haben uns mit externen Spezialisten verstärkt. Insbesondere hat uns die Münchner Mediaagentur Südwind von Andreas Lukas stark unterstützt. Mit ihrem starken Footprint im Bereich Film und Foto konnten sie uns v.a. in der anwendergerechten Vermittlung und Darstellung von künstlerischen Inhalten sehr gut unterstützen. Ohne eine herausragende User Experience kann so eine neue App ja leider schnell wieder untergehen.

  • Welche Stärken der mSE lassen sich durch diese App belegen?

HG: Wir hatten von Anfang an eine enge Zusammenarbeit zwischen den Kunst-Experten (sprich das artspace Team) und den Technikern (sprich meinen Entwicklern). Und nicht zuletzt mit mir jemanden, der beide Sprachen spricht und versteht. 

Die Entwicklung war auch dadurch, dass ich schnell in die Rolle des Projektmanagers für beide Seiten geschlüpft bin, eigentlich der Treiber des Projektes – ebenfalls untypisch, normalerweise wird die Entwicklung als Auftragnehmer „getrieben“. D.h. die Entwicklung war nicht rein das ausführende Organ, das auf Aufträge reagiert, sondern von Anfang an bei der Ideenfindung, an der Diskussion des Geschäftsmodells, an der Optimierung der Bedienbarkeit/Usability beteiligt.

Detail aus der App

Dabei haben wir das Projekt von Anfang an agil aufgesetzt. Vorbehalte aus der bisherigen wasserfallgetriebenen Entwicklung wurden durch die schnell sichtbaren Vorteile und Flexibilität des Agile-Prinzips bald beseitigt.

Nachdem der größte Teil der Entwicklungsarbeit abgeschlossen ist, habe ich das Thema mittlerweile an meinen Kollegen Raphael Schmidt aus dem Marketing übergeben (und damit einen „echten“ Product Owner außerhalb der reinen Entwicklung eingeführt). So kann das Team, in dem die Inhalte entstehen, selbst auch das weitere Vorgehen bestimmen. Cross-Training und Learning-on-the-job sind für die mSE sehr wichtig.

  • Apps auf dem Vormarsch. Zählen Apps bald zur Basisausstattung einer jeden Firma? Welche Trends sehen Sie in dem Feld?

HG: Firmenblogs wie Yammer, Netzwerktools wie Xing, Messenger Systeme wie Signal oder Slack, Teams als Nachfolger von Skype etc pp. Apps ersetzen die klassischen Tools wie email, Excel, Powerpoint nicht, sie ergänzen und optimieren sie.

Trends die ich für vielversprechend halte:

  1. Enterprise Apps, die auch primär im Firmenumfeld genutzt und dafür entwickelt werden
  2. Serious Gaming – Inhalte vermitteln in spielerischer Art und Weise, einen solchen Ansatz gehen wir auch mit der Kairos Exhibition App, die spielerisch auf besondere Inhalte aufmerksam macht – bzw. „Information Nuggets“, d.h. kleine, informative, schnell erfassbare Informationseinheiten
  3. Fokussierung: Apps mit dedizierter, fokussierter Funktionalität, keine überfrachteten Feature-Monster. Wichtig dabei: Klare Schnittstellen zwischen den benutzten Apps, auch progressive Web Apps, die schlank und webbasiert funktionieren und durch den Webansatz leicht wartbar sind – und dennoch offline laufen können

Vielen Dank für das Gespräch!